Die Probleme der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Wie man heutzutage sehr gut beobachten kann, haben die Fachgebiete, die sich mit „kulturellen, geistigen, medialen, sozialen, geschichtlichen und politischen Phänomenen“ beschäftigen bzw. „Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen theoriegeleitet untersuchen“ (lt. Wikipedia) in der Regel (!) ein enormes Problem im Gegensatz zu den Naturwissenschaften. Die beiden erstgenannten zählen zu den sog. Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Während die Naturwissenschaftler täglich in ihrer Forschung vorankommen, verzeichnen die Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler quantitativ und qualitativ nicht annährend solche Erkenntnisgewinne. Salopp gesagt: Sie drehen sich im Kreise. Woran liegt diese Schwäche und wie kann man das Problem lösen?

Während jeder Naturwissenschaftler sich mit Strukturwissenschaften wie der Mathematik auskennen und seine gelernten naturwissenschaftlichen Begriffe exakt anwenden muss, liegt es vielen Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern fern sich äquivalent mit (die Realität korrekt abbildender) Philosophie zu beschäftigen und wissenschaftliche Begriffe sinngemäß zu nutzen. Hinzu kommt, dass man sein Anwendungsgebiet als subjektivistisch (im Sinne von: jede Sichtweise ist für sich richtig) bzw. skeptizistisch (jede Sichtweise kann genauso auch falsch sein) beurteilt, was dazu führt, dass die geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung in der Regel nicht als gesicherte relative Wahrheit betrachtet werden kann und somit keinen Nährboden für weitere Forschung bieten kann.

Ein Soziologe oder Politologe beispielsweise, der keine Ahnung von der Grundfrage der Philosophie hat, der kann auch nicht wissenschaftlich arbeiten, weil ihm eben notwendige Grundlagen fehlen. Ich gebe mal ein Beispiel dafür, warum gerade die Philosophie hier so eine wichtige Rolle spielt: Ein idealistischer Soziologe/Politologe, der von Primat des Bewusstseins ausgeht, würde sagen, dass gesellschaftliche/politische Probleme durch falsche moralische Werte der Individuen entstehen. Wohingegen ein dialektisch materialistischer Soziologe/Politologe, der vom Primat der Materie ausgeht, die Ursache derselben Probleme in erster Linie in den materiellen Verhältnissen der Menschen suchen würde. So kommt es zu absolut unterschiedlichen oder sogar widersprüchlichen „Forschungs“ergebnissen von Geistes- bzw. Gesellschaftswissenschaftlern. In diesem Fall klingen beide Versionen sogar plausibel und es scheint, dass beide Seiten gleich Recht hätten, aber in Wirklichkeit bzw. vom Wesen her schließt das eine das andere aus (vgl. Primat Bewusstsein vs. Primat Materie).

Aber allein eine philosophisch korrekte Grundlage ist keine hinreichende Bedingung für (geistes-/gesellschafts-)wissenschaftliche Arbeit. Genauso wichtig ist, dass man wissenschaftliche Begriffe richtig benutzt. Begriffe sind die mehr oder minder korrekte Widerspiegelung der objektiven Realität. Ein Begriff, der nichts mit der Realität zu tun hat und absolut abgekoppelt von dieser ist, ist nutzlos bzw. gegenstandslos.
Wenn man nun diese Begriffe mit ihren bestimmten Begriffsinhalten benutzt, kann man sie nicht beliebig verändern und mal dieses oder jenes damit meinen. Eine Wissenschaft steht und fällt mit seinen Begriffen bzw. Begriffssystemen und diese müssen auch exakt angewandt werden. Wenn ein Ingenieur von „Festigkeit“ spricht, dann meint er auch Festigkeit und nicht „Härte“ oder „Zähigkeit“. So banal das klingt; in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wird so etwas nicht konsequent angewandt. Oft existiert sogar ein Nebeneinander von Begriffen, deren Begriffsinhalte unterschiedlich sind, die aber oft synonym verwendet werden. Beispiel: So heißt es mal „Milieu“, „Schicht“, „Klasse“ oder „Kaste“ und man meint manchmal dasselbe und manchmal eben nicht. Wie kann man denn zu Erkenntnissen gelangen, geschweige denn miteinander diskutieren, wenn sich jeder unter den Begriffen etwas anderes vorstellt? Ohne ein einheitliches Begriffssystem redet man einander vorbei und kann nicht wissenschaftlich arbeiten.

Ein anderes Problem ist, dass das Eingeständnis der fehlenden Grundlagen bzw. das Eingeständnis darüber, dass vieles von dem, was man gelernt hat, keine oder sehr niedrige relative Wahrheit darstellt, logischerweise sehr schwer fällt. Es ist psychologisch nicht einfach über Jahre hinweg gelernte Dinge dann auf einmal in Frage stellen zu müssen. Und, wenn man doch seine Positionen ändert, muss man darauf achten, ob man mit seiner neuen Haltung, die nicht dem geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen „Mainstream“ entspräche, noch auf offene Ohren stößt oder seine Karriere gefährdet. Deshalb ist es nicht ganz so einfach die etablierten geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Strukturen für Neues zu öffnen.

Fazit: In den Universitäten und auch schon in den Schulen müsste 1) die dialektisch-materialistische Philosophie gelehrt und konsequent angewandt werden, es müsste 2) ein konsequenter, sachgerechter Umgang mit wissenschaftlichen Begriffen erfolgen und 3) der Subjektivismus und Skeptizismus müssten als wissenschaftlich unhaltbar zurückgewiesen werden. Erst dann könnten sich die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, welche hochkomplex sind und in denen noch sehr viel Potenzial steckt, entfalten und relevante Erkenntnisfortschritte realisieren.

Nachtrag zum Begriff Erkenntnis: Erkenntnis ist „der Prozess und das Resultat der (sinnlichen oder rationalen) Widerspiegelung der objektiven Realität im menschlichen Bewusstsein“ (vgl. Philosophisches Wörterbuch, Georg Klaus). Ob etwas der objektiven Realität entspricht, also wahr ist, kann man nur durch die Praxis herausfinden (siehe „Was ist Wahrheit?“). Erkenntnis ist demnach eine relative Wahrheit. Erkenntnis ist deshalb erst dann realisiert, wenn sie an der Praxis, welche Kriterium für die Wahrheit ist, „getestet“ wurde. In der Geistes- und Gesellschaftswissenschaft kann dies durch soziale Experimente geschehen.

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3 Antworten zu Die Probleme der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

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  2. Daniel Villbrandt schreibt:

    Auch wenn es banal klingt: Ich stimme zu. Während meines Studiums habe ich in unzähligen Gesprächen immer wieder gehört, dass Kommilitonen sich gerne über Literatur unterhalten möchten, dies aber „bitte schön nicht philosophisch werden lassen“. Man erntete bestenfalls Unverständnis, weiste man darauf hin, dass Literaturwissenschaft in die Philosophische Fakultät eingegliedert ist. Es geht nicht darum, welche nun welche untergeordnet sei. Aber wie es so schon in einem Artikel hieß, vieles in der Geisteswissenschaft ist nichst weiter als „Worthülsenakrobatik im Niemandsland der Unverbindlichkeit“. Ich gebe zu, auch mir fällt es schwer, die Begriffe richtig zu verwenden. Gerade weil sie sekundär mal so, mal so und mal so verwendet werden.

    Zu deinen Punkten: Allesamt richtig, allerdings bin ich mir nicht sicher, wie das umgesetzt werden soll und ob überhaupt Universitäten dafür verantwortlich sind. Sollte sowas nicht die Schulbildung anstoßen? Vor allem den Subjektivismus sehe ich in vielen Literaturwissenschaftlern, dabei untergraben sie so ihren eigenen Anspruch und Daseinsberechtigung. Da fragt man sich, wieso sie sich für diesen Studiengang entschieden haben…

  3. dialecticprogress schreibt:

    Es ist zweifelsfrei richtig, dass die philosophischen Grundlagen auch schon in der Schule vermittelt werden müssten. Dem möchte ich nicht widersprechen, deshalb folgt eine kleine Korrektur.

    Ich sehe wie du auch das Problem der Umsetzung. Besonders auch deshalb, weil die Schlußfolgerungen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften danach ganz andere wären. Wenn die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auf einer dialektisch materialistischen Grundlage aufbauen würden, welche vom Primat der Materie ausgeht, dann würde dies beispielsweise auch in eine allgemeine Systemkritik führen. Deshalb ist es auch schwierig als einzelne Bildungseinrichtung so etwas durchzusetzen. Deshalb tragen natürlich nicht nur die Universitäten Verantwortung oder das Bildungssystem als Ganzes. Sondern, weil das Bildungssystem auf einer politischen und letztendlich ökonomischen Basis beruht, haben die letzteren im besonderen Maße die eigentliche „Verantwortung“.

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