Was ist Wahrheit?

Der Begriff der Wahrheit spielt eine zentrale Rolle im im Erkenntnisprozess über die Natur. Zunächst gibt es nicht einfach die Wahrheit, sondern zwei Unterscheidungen:

absolute Wahrheit: Ein Idealisierung, welche eine endgültige Wahrheit darstellen würde. Es ist ein Zustand, an dem nicht mehr weiter geforscht werden kann. Die absolute Wahrheit wäre somit das Ende des Erkenntnisprozesses über die Natur. Somit gäbe es keinen theoretischen Fortschitt mehr, weil bereits alle Wesensmerkmale entdeckt worden wären. Im Endeffekt würde es dann auch den praktischen Fortschritt unmöglich machen. Die Relativität sorgt aber dafür, dass man die absolute Wahrheit nie erreicht, weil sich alle Dinge a) bewegen und b) immer nur in einem bestimmten Bezugssystem betrachtet werden können. Die absolute Wahrheit definiert quasi die „Richtung“ der relativen Wahrheit, die sich der absoluten Wahrheit immer mehr annähert (vergleichbar mit einer Funktion und ihrer Asymptote).

Oft wird zur Felde gezogen, dass es zum Beispiel in der Mathematik dennoch ewige/absolute Wahrheiten gäbe, aber dies stimmt so nicht. In der Mathematik wie auch in allen anderen Wissenschaften werden bestimmte Definitionen festgelegt, die auch nur in bestimmten Systemen gelten. Zum Beispiel ist die Tatsache von 5+5=10 nur im Dezimalsystem gültig und nicht im Oktal- oder Hexadezimalsystem.

relative Wahrheit: Jede Wahrheit ist relativ, weil sich zum einen alle Dinge bewegen und man deshalb nie festlegen kann, was endgültig für immer wahr ist. Zum anderen bezieht sich die Wahrheit immer auf eine bestimmte Konstellation bzw. auf ein bestimmtes Bezugssystem (siehe das mathematische Beispiel oben). Aber man muss sehr vorsichtig sein und nicht schlussfolgern, dass nun jeder seine eigene Wahrheit erfinden kann. Denn es gibt unterschiedliche Grade von (relativer) Wahrheit, welche sich in einem unendlichen Prozess der absoluten Wahrheit (asymptotisch) annähern, ohne sie jemals zu erreichen. Dazu ein Beispiel:

  • Die Erde dreht sich auf einer vollkommenen kreisförmigen Bahn um die Sonne. (Relative Wahrheit 1. Grades, Aristoteles ~350 v.u.Z.)
  • Die Erde dreht sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne (Relative Wahrheit 2. Grades, Kepler ~1600)
  • Die Erde dreht sich auf einer elliptischen Bahn um das Baryzentrum des Sonnensystems. (Relative Wahrheit 3. Grades)
    usw. usf.

Die Ansichten von Aristoteles befriedigten nicht mehr die empirischen Untersuchungen und die theoretischen Überlegungen, sodass diese Position von Kepler u.a. weiterentwickelt (nicht verworfen!) wurde. Aber auch dieses überarbeitete heliozentrische Weltbild stoß irgendwann an seine Grenzen, weil es den Erkenntnissen, welche mit Hilfe der technischen Möglichkeiten (empirisch) und weiteren mathematischen Berechnungen (theoretisch) erwuchsen, widersprach. Es stimmte also nicht mehr exakt genug mit der Wirklichkeit überein, war aber natürlich besser bzw. wahrer als die vorherige Anschauung von Aristoteles (höherer Grad an relativer Wahrheit). Und der aktuelle Erkenntnisstand ist, dass die Erde sich um das Baryzentrum (Ort des Masseschwerpunkts) des Sonnensystems dreht und nicht um den Sonnenmittelpunkt. (Für Interessierte)

Der Grad der relativen Wahrheit wird also bestimmt durch die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Und ob etwas relativ mit der Wirklichkeit übereinstimmt, kann man, wie das Beispiel zeigt, nur empirisch oder theoretisch bestimmen. So wie das Verständnis über die Planetenbewegungen – so schreitet jeder andere Erkenntnisprozess auch fort. Die Praxis bleibt dabei immer das Kriterium für die (relative) Wahrheit.

Nachtrag: Sehr beliebt ist auch die These, dass es in Bereichen wie der Ökonomie, der Philosophie usw. keine Wahrheit gäbe, sondern nur verschiedene (subjektive) Ansichten/Ideologien usw. Manche sagen sogar: „Es gibt nur subjektive Wahrheit.“. Das Interessante ist dabei, dass sie den gesagten Satz selbst jedoch als objektive Wahrheit ansehen.
Wenn in Bereichens des Lebens Wahrheit nur subjektiv wäre, könnte man in diesen Bereichen auch gleich die Hände in den Schoß legen und aufhören dort zu forschen, lernen und zu begreifen, weil alles alles beliebig, mit keinerlei Struktur, mit keinerlei Ordnung und nur noch Chaos wäre. Die Konsequenzen des Ganzen wären fatal. Man sieht dies auch teilweise in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

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