Rassismus aus anderer Sicht

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es, so erscheint es mir, überdurchschnittlich viele Blogs mit einer rassistischen Gesinnung gibt.

Meistens schreiben es Leute, die unzufrieden mit ihrem Leben sind und einen Sündenbock dafür suchen. Ihr geringes Selbstwertgefühl verleitet sie dazu gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu hetzen. Sie behaupten stolz „politisch inkorrekt“ zu sein. Ich zweifle nicht daran, dass die Mehrheit dieser Leute es nicht „böse“ meint und keine niederen Ziele verfolgt, sondern, dass diese Menschen aus ihren Erfahrungen im Leben und aus den Erscheinungen, denen sie begegnen, direkt bestimmte Schlussfolgerungen ziehen.

Und das ist auch ihr Problem. Sie sehen nur gewisse Erscheinungen und versuchen nicht das Wesen zu verstehen (siehe hier). Wenn beispielsweise Jugendliche mit Migrationshintergrund Straftaten begehen (Erscheinungen), dann werden diese Jugendliche sofort als ihrem Wesen nach als schlechte, dumme, böse etc. Menschen bewertet. Dass man von einzelnen Erscheinungen nicht auf das Wesen schließen kann, ist eine fundamentale wissenschaftliche und system-theoretische Erkenntnis. Allein ihre subjektive Erfahrung als Maßstab für Richtig oder Falsch anzusehen, was natürlich am bequemsten ist, ist deshalb gegenstandlos für eine wissenschaftliche Analyse, welche notwendig ist, um der Wahrheit näher zu kommen.

Sie verstehen auch nicht das Verhältnis zwischen Ganzem und Teil. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen dem Teil und dem Ganzen, aber auch hier kann man nicht direkt von einem oder mehreren Teilen auf das Ganze schließen. Wenn beispielsweise ein Mensch (Teil) einer bestimmten Nationalität sich schlecht verhält, dann kann man daraus nicht auf seine gesamte Nation (Ganzes) und ihr Verhalten schließen. Dass das Unfug ist leuchtet jedem mit gesundem Menschenverstand sofort ein, weil wie Aristoteles schon sagte, „das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile“. Teil und Ganzes werden also fälschlicherweise als identisch angesehen. Das Resultat dieser Methode können verherrende Schlussfolgerungen sein; nicht nur in dieser Beziehung.

Hinzu kommt eine philosophisch verkürzte Sicht auf den Menschen. Diese Leute tendieren meistens unbewusst zu einer mechanisch-materialistischen bzw. mechanisch-deterministischen Sichtweise, die besagt, dass ausschließlich das Schicksal, Gott, die Gene o.ä. über den Menschen und seinen Werdegang bestimme. So werden beispielsweise Schlüsse gezogen, die sich nur auf die Biologie der Menschen beschränken. Man sieht den Menschen abgekoppelt von seiner Außenwelt. Man fragt sich nicht: „Wieso verhält sich jener Mensch schlecht und jener Mensch gut?“ und wenn, dann wieder nur stark verkürzt. Es fehlt die Anschauung, dass in erster Linie die Verhältnisse des Menschen sein Verhalten (in Wechselwirkung!) bestimmen. Letzterer Satz ist keine Entschuldigung für schlechtes Verhalten, weil der eigene Wille natürlich auch eine Rolle spielt, aber er relativiert doch einiges.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Mehrheit dieser Menschen zwischen Wesen und Erscheinung nicht unterscheiden, zwischen Ganzem und Teil nicht unterscheiden und schließlich eine mechanisch-deterministische Weltanschauung haben. Aus diesen wissenschaftlich unhaltbaren Voraussetzungen ist es kein Wunder, dass sie gegen Menschen mit Migrationshintergrund und viele andere Bevölkerungsgruppen hetzen. Und ja man muss von Hetze sprechen, weil ihre Beiträge bei den Lesern Aggressionen hervorrufen und sich diese Aggressionen irgendwann auch in der Praxis entladen können. Deshalb sind die Meinungen, die in diesen Blogs vertreten werden, auch gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gerichtet.

Nachtrag: Solange sich Menschen über ihre Nationalität definieren („Ich bin Deutscher und du bist xy“) und sich vor allem oder ausschließlich dieser vermeintlichen sozialen Gruppe zugehörig fühlen, solange wird es auch immer einen Nährboden für Rassismus geben. Bezeichnungen wie Deutscher, Russe, Türke, Engländer, Japaner usw. sind nicht mal klar definiert und sagen dementsprechend auch nichts relevantes über den Menschen aus und fördern nur die künstliche und willkürliche Abgrenzung von Menschen untereinander.

Zudem wächst die Gefahr, dass solch eine (in diesem Fall unsinnige,) horizontale Einteilung von Menschen (Deutscher-Russe-Türke-…) auch schnell in einer vertikalen Einteilung (Deutscher>Russe>Türke>…) mündet.
Im Umkehrschluss heißt dies aber nicht, dass alle Menschen gleich sind, sondern unterschiedlich, aber eben weitgehend gleichwertig. Diese Einheit und Vielfalt der Menschen wird bei der Identifikation mit irgendeiner Nationalität nicht erkannt, da Rassisten die Einheit nur innerhalb einer Gruppe betrachten und die Vielfalt nur zwischen den Gruppen betonen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Philosophie, Politik, Soziales abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Rassismus aus anderer Sicht

  1. gkb schreibt:

    Sie haben auf unserer Seite danach gefragt, was wir von diesem Text über den – unstrittig – bemerkenswert allgegenwärtigen Rassismus auf Blogs halten. Wir finden die hier gemachte Zusammenfassung, wie es zu diesen Rassismen kommt, nicht richtig. Mit dem Hinweis auf eine „mechanistisch-deterministische Denkweise“ vieler dieser Blogger, die „auf Stammtischniveau“ schrieben, kommt man dem Phänomen Rassismus begrifflich nicht bei.

    Aufschlussreich in Bezug auf eine Ursachenforschung zu Rassismus ist hingegen eine Passage aus einem ebenfalls auf Ihrem Blog veröffentlichten Text zur „Sinnfrage“: Da werden zum gültigen Sinn des Lebens kurzerhand „individueller Fortschritt“ und „gesellschaftlicher Fortschritt“ definiert. Das, was in der Demokratie „gesellschaftlicher Fortschritt“ (Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums) heißt, kommt aber ausschließlich durch Konkurrenz zustande. Es ist also für den einen „individuelle/r Fortschritt/Durchsetzung“, für den anderen individuelle Niederlage, bis hin zum ökonomischen Untergang oder sogar bis zum Verhungern.

    Dass es die Welt der Demokratie schafft, dieses so gegensätzliche Verhältnis, in das sie die Menschen von Staats wegen stellt, trotzdem immer im Dienst des „Volkes“ zu vermitteln, in dem es diese Gegensätze angeblich nicht gibt, sondern nur Streben nach „gesellschaftlichem Fortschritt“, ist der stinknormale Nationalismus und Grundlage für rassistisches Denken.

    Wer sich solchen gültigen „gesellschaftlichen Fortschritt“ wie im Text „Sinnfrage“ als menschennatürlich denkt, liegt voll im Mainstream. Und der legt nahe, dass solche, die „individuellen Fortschritt“ unter diesen natürlichen Bedingungen eben nicht schaffen (es sind die meisten; beliebte Bebilderungen sind z.B. Ausländer- oder Hartz-IV-Kinder in der Schule, Schwarzafrikaner in der Völkerkonkurrenz), kollektiv Träger negativer Eigenschaften sind. Und schon ist der Rassismus fertig – und fällt in der Welt des demokratischen Denkens gar nicht weiter auf.

    • dialecticprogress schreibt:

      Erstmal Danke für Ihre Kritik!
      Zitat: „Wir finden die hier gemachte Zusammenfassung, wie es zu diesen Rassismen kommt, nicht richtig. Mit dem Hinweis auf eine „mechanistisch-deterministische Denkweise“ vieler dieser Blogger, die „auf Stammtischniveau“ schrieben, kommt man dem Phänomen Rassismus begrifflich nicht bei.“

      In meinem Fazit im letzten Absatz schreibe ich drei Argumente (selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit) als Ursache von Rassismus auf: 1) Unverständnis zwischen Wesen und Erscheinung, 2) Unverständnis über Verhältnis zwischen Ganzem und Teil und 3) Eine mechanisch-materialistische Philosophie.
      Sie beziehen sich scheinbar nur auf das letzte Teilargument und folgern allein aus diesem, dass meine ganze Argumentation „nicht richtig“ sei. Ich verweise wiederum auf das Verhältnis zwischen Ganzem und Teil! Warum führt Ihrer Meinung nach das eine Teilargument zur Nichtigkeit der Gesamtargumentation? Was sagen Sie über die anderen Teile meiner Argumentation? Sind diese nicht relevant?

      Nun möchte ich meine Ansicht über die Kritik über das Teilargument „mechanisch-materialistische Philosophie“, was Sie ausschließlich ansprechen, darlegen. Interessanterweise gehen Sie jedoch nur scheinbar (!) auf dieses Teilargument ein. Sie kritisieren nach Ihrem ersten Absatz, wo sie ein Vor-Fazit geschrieben haben, nämlich nur noch den Begriff „gesellschaftlicher Fortschritt“, in dem Sie einen anderen Artikel auf meinem Blog zur Hilfe nehmen. Während es im Rassismus-Artikel aber nur am Rande darum geht, dass der Rassismus gegen den Fortschritt der Menschheit gerichtet ist. Ich erwähnte das dort nur am Rande, weil es eine offensichtliche Angelegenheit ist. Sie kritisieren aber genau diese eine Erwähnung, was mich sehr verwundert.

      Sie schreiben weiter, dass gesellschaftlicher Fortschritt das Ergebnis von Konkurrenz sei und es somit immer Gewinner und Verlierer gäbe. Deshalb sei dies eigentlich gar kein Fortschritt, sondern „stinknormaler Nationalisms und Grundlage für rassistisches Denken“. Ich muss dieser Aussage widersprechen, weil Sie unter „gesellschaftlichem Fortschritt“ etwas anderes verstehen als ich. Dieses Missverständnis ist verständlich, weil ich im Artikel „Sinnfrage“ bewusst keine Definition für den „gesellschaftlichen Fortschritt“ geliefert habe, um die Sache nicht zu verkomplizieren. Nun ist die Definition jedoch notwendig geworden, hier folgt sie: Gesellschaftlicher Fortschritt ist die Lösung des ständigen Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.
      „Lösung“ bedeutet hier Anpassung der Produktionsverhältnisse an die immer weiter fortschreitenden Produktivkräfte.

      Beispiele dafür habe ich im Text „Sinnfrage“ genannt. Dort sieht man wie die Entwicklung bzw. der Fortschritt von Produktivkräften (Menschen, Technik, usw.) durch die Produktionsverhältnisse (Eigentumsverhältnisse, Austausch- und Verteilungsverhältnisse, etc.) behindert oder verhindert wird. Der Kapitalismus bringt nur dann Fortschritt, wenn es mit Profiten einhergeht. In den Beispielen verdeutliche ich, dass dies aber nicht ausreicht, weil mancher Fortschritt auch Profiteinbußen verursacht. Deshalb müsste man ein System finden, wo Fortschritt immer realisiert wird und die Profitorientierung reduziert wird.

      Sie dagegen betonen bei der Ihrer Definition des „gesellschaftlichen Fortschritts“, abgesehen von der „Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums“, die Konkurrenz, welche Verlierer produziere. Zunächst einmal existiert eine „Konkurrenz“ zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, aber diese meinen Sie nicht. Sie gehen, so scheint es mir, eher von einer Marktkonkurrenz aus. Ob ein (freier) Markt durch Konkurrenz Verlierer schafft, ist keine Frage, aber darum geht es in meinen Artikeln nicht. Ich kann dazu nur kurz sagen, dass Konkurrenz nicht per se schlecht ist, wenn man Mechanismen hat, um die einfache Konkurrenz in einen gesunden Wettbewerb umzuwandeln, der motivierend und fördernd ist (ob dies innerhalb des Kapitalismus möglich ist, ist eine andere Frage).

      Somit kann ich zusammenfassend sagen, dass Ihre gesamte Kritik des Rassismus-Artikels, welche sich allein auf den unklaren Begriffsinhalt von „gesellschaftlicher Fortschritt“ bezog, ins Leere greift. Ich bin aber trotzdem dankbar, dass Sie sich meine(n) Artikel durchgelesen haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s