Grundfrage der Philosophie: Was ist der Mensch?

Philosophen streiten sich seit mehr als 2000 Jahren über dieses Thema. Es geht eigentlich um das Verhältnis zwischen Genen, Umwelt und freiem Willen. Aber erstmal vereinfacht und ohne Anspruch auf Vollständigkeit die relevanten unterschiedlichen Positionen:

A) Der Mensch wird allein/vor allem durch sein Schicksal (Gott)/Gene bestimmt. Alles andere ist sekundär.

B) Der Mensch wird allein/vor allem durch seine Umwelt/Verhältnisse
bestimmt. Alles andere ist sekundär.

C) Der Mensch ist nicht fremdbestimmt, sondern hat einen unabhängigen freien
Willen. Alles andere ist sekundär.

Position A nennt man mechanisch-materialistisch, weil hier ein schicksalhaftes Verhältnis des Menschen zu seinem Leben vorgegeben wird. Er kann auch nichts daran ändern. Beispielsweise nach dem Motto: „Du bist dumm, weil du schlechte Gene hast oder, weil Gott etc. es so wollte.“

Position B nennt man materialistisch (ohne mechanisch-), weil hier von der Materie (dazu zählt alles außer das Bewusstsein des Menschen) als das Primäre ausgegangen wird. Die materiellen Verhältnisse (also nicht nur eine finanzielle Situation) bestimmen, wie der Mensch ist. Beispielsweise nach dem Motto: „Du bist klug, weil du in eine Akademikerfamilie hineingeboren wurdest.“

Position C nennt man idealistisch, weil hier das Ideele (das Bewusstsein) Vorrang vor dem Materiellen hat. Der Mensch bestimmt frei, was er tut und dementsprechend, welchen Weg er geht. Nach dem Motto: „Du bist reich, weil du es nur stark genug wolltest.“

Keine dieser drei Positionen allein befriedigt. Es kommt auf die Mischung an und diese geschieht am besten auf Grundlage der materialistischen Position B, da wir bei unserer Geburt eine Umwelt vorgegeben bekommen, auf die wir keinerlei Einfluss haben. Wir sind erstmal von unserer Umwelt fremdbestimmt. Aber das war’s noch lange nicht, denn jetzt kommen die Gene in Wechselwirkung mit der Umwelt ins Spiel. Natürlich haben die Gene einen Einfluss auf unsere spätere Persönlichkeit, in dem sie sozusagen die Keime für bestimmte Fähigkeiten liefern, aber ob diese Keime wachsen oder nicht, hängt schließlich von den Verhältnissen ab, in denen wir aufwachsen. Die Rolle der Genetik auf das Bewusstsein würde ich aber dennoch als relativ gering einschätzen. (Vielmehr spielt sie in körperlicher Hinsicht eine Rolle.) Mit der Zeit entwickeln wir dann aber auch etwas, dass sich Wille nennt und ja, auch das spielt eine Rolle, da wir Vorlieben entwickeln und abwägen können, ob wir uns für dieses oder jenes entscheiden. Sonst würden wir ja auf die Umwelt ausschließlich reflexartig reagieren und, dass das Gehirn mehr kann, sollte jeder aus seiner persönlichen Erfahrung wissen.

Diese Modifikation von Position B ist der dialektische Materialismus. Kurz gefasst bedeutet dieser, dass wir die Verhältnisse in Wechselwirkung mit dem Menschen sehen müssen. Die Verhältnisse bestimmen den Menschen und der Mensch beeinflusst die Verhältnisse. Nach dem Motto: „Du bist so wie du bist, weil deine Verhältnisse in Wechselwirkung mit dir dich dazu geformt haben.“

Alle anderen Positionen in Reinform sind nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch äußerst gefährlich, wenn es um die praktische Umsetzung dieser Theorien geht.
Wenn laut Position A die Genetik das bestimmende Merkmal des Menschen wäre, könnten einige auf die Idee kommen, Menschen mit schlechten Genen auszusortieren. Solche Tendenzen gibt es immer wieder, aber es ist relativ offensichtlich, dass die Gene nicht der alles bestimmende Faktor sein können. Man nehme ein Neugeborenes mit perfekten Genen, gebe ihm zu essen, aber rede nie ein Wort mit ihm. Abgesehen davon, dass es dann sehr früh stirbt, wird es keinerlei Fähigkeiten entwickeln können.
Der Gedanke, dass das Schicksal (oder Gott, höheres Wesen) das Leben vorherbestimme, ist dagegen oft in ärmeren, religiösen Ländern beliebt. Dies führt jedoch dazu, dass sich die Menschen mit ihren Verhältnissen abfinden, weil man sowieso nichts daran ändern könne (zB.: Vertrösten auf das Jenseits).
Wenn wie Position C der freie Wille das bestimmende Merkmal wäre, würden benachteiligte Menschen als nicht psychisch stark und nicht ehrgeizig genug angesehen werden (vgl. „sozial Schwache“) und sie wären immer selbst Schuld an ihrer misslichen Lage. Sie haben den freien Willen und nutzen ihn nicht. In der Gesellschaft wären dann die Arbeitslosen selbst Schuld für ihre Arbeitslosigkeit, die Hauptschüler selbst Schuld für ihre „Dummheit“, jedes Opfer selbst Schuld in die Opferrolle geraten zu sein und die Erfolgreichen hätten alles aus eigenem Antrieb geschafft, sodass ihnen ihr Luxus auch gegönnt sei.

Dass besonders die letzte Position, nämlich der Idealismus in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet ist, gibt zu Denken. Der Idealismus ist gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gerichtet, da seine Konsequenzen gegen die Menschen und ihre Bedürfnisse gerichtet sind. Nach dem Idealismus, der auch weitere Spielarten hat, würde z.B. das Arbeitslosengeld gesenkt oder gar gestrichen, die Hauptschüler würden auf das Abstellgleis geschoben und die Millionäre würden verehrt werden. Dass gerade der Idealismus die herrschende Philosophie in der westlichen Gesellschaft darstellt, macht ihn zu dem wichtigsten Gegenspieler des dialektischen Materialismus.

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4 Antworten zu Grundfrage der Philosophie: Was ist der Mensch?

  1. OpenEye schreibt:

    Der Mensch wird von Angst, Pseudomoral, und negativen Fremdeinflüssen beherrscht. Unfähig die Wahrheit zu akzeptieren das auch wir nur einmal leben und sterben wie alles auf dieser Erde, flüchten wir uns in die Vorstellung es gäbe etwas fremdes das uns lenkt und unsere taten rechtfertigt. Eigenverantwortung hat keiner von uns je gelernt, keiner!!!!! Wir sind völlig trunken und benommen von dem was uns immer wieder zum Frass vorgeworfen wird. Vorgekaut und schön verpackt brauchen wir noch nicht mal kauen, schlucken nicht denken…..
    Angst verunsichert! Terror hier, Massengenozid dort und alles weil wir uns seit Jahrtausenden von unseren Gefühlen leiten lassen. Hass, Wut, Rache und Macht das kennt nur der Mensch und wir sühlen uns in unserem aufgeblasem Überego wie das Schwein im Schlamm.
    In unserer unersättlichen Gier nach Geld merken wir gar nicht das die Ketten bereits mit unserem Fleisch verwachsen sind. Stellen wir uns jeder grundlegend in Frage……….

    • dialecticprogress schreibt:

      Es wird unzulässig verallgemeinert von dir. Du sieht nicht die Wechselwirkung zwischen Materie und Bewusstsein und verabsolutierst das Bewusstsein. „Gier nach Geld“ ist keine dem menschlichen Bewusstsein von Anfang an innewohnende Eigenschaft oder von einer kleinen herrschenden Gruppe aufgezwungene Eigenschaft, sondern die Wirkung von den materiellen (nicht mit Konsum verwechseln!) Lebensbedingungen der Menschen (siehe diesen Artikel). Beispielsweise zwingt der kapitalistische Wettbewerbstyp die Unternehmen zu Profitmaximierung oder umgangssprachlich gesagt der „Gier nach Geld“ – deine Ausführungen sind geprägt von subjektiven Erfahrungen und dem Herauspicken von einzelnen (und z.T. übertriebenen) Erscheinungen. Metaphern und Umgangssprache sind immer ein Hinweis für fehlende Wissenschaftlichkeit.

  2. Andreas Reichardt schreibt:

    Müssen wir nicht zuerst die Frage klären „Warum ist der Mensch auf der Erde ? “ .Welchen Zweck dient er? Leider vergeuden 70 Milarden,oder mehr Ihr Leben mit den“ run“ nach Geld und Macht.Nach Essen und Trinken.Wir sind fast nur mit uns selbst beschäftigt. Der Mensch ist die modernste Entwicklung der Natur, da zu bestimmt sie zu schützen und weiter zu entwickeln,so Darwin recht behält.Aber soll das alles Zufall sein? Oder gibt es einen Gott und wir sind nur sein Werkzeug ? Oder gibt es noch einen anderen Ansatz ?

  3. dialecticprogress schreibt:

    Die Natur hat kein Ziel/Zweck. Die Frage „Warum ist der Mensch auf der Erde?“ bzw. besser: „Welchen Zweck hat der Mensch auf der Erde?“ würde aber ein solches voraussetzen. Die philosophische Auffassung, dass die Natur ein Ziel hätte, nennt man Teleologie. Sie führt konsequent angewandt zu einer göttlichen Vorherbestimmung und zum mechanischen Materialismus.
    Der genaue Gegensatz dazu ist die Verabsolutierung des Zufalls, wonach es alles nur noch eine Aneinanderreihungen von Zufälligkeiten ist und es keine logischen Ursache-Wirkung-Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten mehr gibt.
    Im dialektischen Materialismus sind jedoch Notwendigkeit (etwas zieht eine Wirkung notwendig =/= zwingend nach sich) und Zufall eine Einheit. Z.B., Wenn man einen Stein fallen lässt, wird er notwendig zur Erde fallen, aber wo er wie exakt aufkommt, ist Zufall.

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